Wie wir bereits einleitend bemerkten, sind die Ausstellungen nur eine der – sichtbaren – Tätigkeiten eines botanischen Gartens. Seine häufigste fachspezifische Funktion ist eine botanische Grundlagenforschung, die in der Beschreibung neuer, der Wissenschaft bisher unbekannter Arten – der Taxonomie besteht. Unter mitteleuropäischen Bedingungen scheint es, dass es schon kaum noch möglich ist, eine bisher unbeschriebene Pflanzenart zu finden, aber vergessen Sie nicht, dass die botanischen Gärten sich vorwiegend exotischen Pflanzen widmen – und zum Beispiel im Falle von Ekuador gibt eine fachlich fundierte Schätzung an, das bisher höchstens die Hälfte aller Pflanzen bekannt ist, die dieses südamerikanische Land besiedeln. Gegenwärtig findet der Besucher in der Exposition zwei Arten, die noch auf ihre Beschreibung warten. Eine davon ist die sehr attraktive Angehörige der Gattung Pilea, aus dem Bergland Montañas del Mico in Guatemala stammend, die J.R.Haager und R.Rybková bei einer im Jahre 1997 vom Botanischen Garten Prag und Zoologischen und botanischen Garten in Plzeň veranstaltete Expedition fanden. Diese Art trägt den vorübergehenden Namen Pilea speciosa HAAGER, RYBKOVÁ & UHER. Weitere neue Arten züchten wir in den Vorratstreibhäusern – dazu gehören einige vietnamesische Orchideen, oder auch der herrliche Dickkolben (Amorphophallus), von Dr. Dančák aus dem Institut UJEP in Olomouc auf Borneo gesammelt.
Calanthe Bryan x C. rosea
Eigene Kreuzungen (siehe Fotogalerie) sind auch eine charakteristische Tätigkeit botanischer Gärten. In unserem Falle begibt sie sich in zwei Richtungen – der Kreuzung von Orchideen und einiger Gattungen der Familie der Gesneriengewächse. In der Sammlung hier in Teplice erblühten zum ersten Mal einige Orchideen, die J.R.Haager schon früher in Prag kreuzte, sei es im Botanischen Garten in Prag oder noch davor in der Genofonds-Sammlung der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften. Orchideen haben nämlich eine relativ langsame Entwicklung und vom Aussäen bis zur Blüte vergeht ein Zeitraum von vier bis zehn Jahren, wenn nicht länger. Der älteste dieser Hybriden entstand schon im Jahre 1983 (zum ersten Mal in Teplice 2005 erblüht) und seine Eltern waren Anguloa x ruckeri (A.clowesii x A. hohenlohii) und Lycaste crinita (für Nichtbotaniker sei bemerkt, dass als erstes immer die Mutterpflanze genannt wird, an zweiter Stelle der Pollengeber). Das Ergebnis ist eine relativ zierliche und reichlich blühende Pflanze mit strahlend gelben Blüten, geschmückt mit nur feinen roten Pünktchen inmitten der Krone. Das ist wirklich überraschend, denn die mütterliche Anguloa ist um Vieles stattlicher und das Innere der Blütenkrone ist kastanienpurpur. Einige Kreuzungen sind nicht originaler Art, sondern es handelt sich um eine Wiederholung schon bereits verwirklichter Kreuzungen – das betrifft vor allem Phalaenopsis Penang Girl (= Phalaenopsis bellina x P. venosa), die bereits 1984 von Ooi Leng Sun registriert worden war. Bei unserer Kreuzung wurde die besonders dunkle Form P. venosa mit kastanienbraunen Blüten und vollendeten grünen Spitzen der Blütenhüllblätter verwendet. Das zeigte sich dann in der Kreuzung, und im Gegensatz zu den bisher ausgestellten und vermehrten Formen erzielten wir eine herrlich satte honigfarbene Färbung der Blüten. Zu den originalen Kreuzungen dagegen gehört x Phaiocalanthe Lída, Hybrid Phaius tankervillae und Calanthe Bryan Ende der neunziger Jahre.
Der erste in Teplice gezüchteter Hybrid aus der Familie Gesneriaceae – Gesneriengewächse war der beliebte Schiefteller Achimenes Teplice Flame (2003) entstand durch Kreuzung des aus der Sierra de las Minas aus Guatemala importierten Achimenes patens und des 1980 registrierten Kultivierunsgprodukts ´Tarantella´. Das Ergebnis ist eine zierlichere reichlich blühende Pflanze mit lichtroten Blüten, die fast keine gelben Zeichen in der Kehle der leuchtend roten Krone trägt.
Kohleria Šárka ´Firebird´
Besonders aussichtsreich und heute auch bei uns beliebt ist die Gattung Kohleria. Hier schloss eine originale Kreuzung aus Teplice an zwei schon früher entstandene Haager-Hybriden an, und zwar Kohleria lanata x K. spicata von Ende der achtziger Jahre und der daran anschließenden Kohleria Argus = Kohleria warszewiczii x (K.lantana x K.spicata) aus dem Jahre 1996. Die Pflanze Kohleria warszewiczii, erworben aus dem BG Stockholm, ist wahrscheinlich keine ganz „reine“ Art, hat aber in ihrer Vergangenheit eine unbekannte Kreuzung. Durch eine Kreuzung von Kohleria Argus mit Kohleria amabilis var. bogotensis, gesammelt von Horák in Ekuador, entstand 2003 ein Hybrid, nach der Chefgärtnerin des BG Teplice Šárka benannt. Weil es bei einem solch komplizierten Hybriden, an dessen Entstehung sich mindestens vier Arten beteiligten, oft zu einem „Zerfall“ der Nachkommen kommt, war es möglich, sechs der hübschesten Formen auszuwählen, die wir unter den Kultivierungsnamen ´Firebird´ (sicher die schönste davon), ´Strawberry Cream´, ´Leopard´, ´Lovestory´, ´Neon Rouge´ und ´Surprise´ erhalten. Einige der genannten Formen wurden dann im nachfolgenden Zeitraum zur weiteren Hybridisierung verwendet, vor allem mit den Kulturprodukten Kohleria Dragon Blood und Empress.
Eine hübsche Kreuzung, wenn auch nicht original, ist Kohleria amabilis var. bogotensis x K. warszewiczii aus dem Jahre 2002 (J.Boggan verwirklichte sie allerdings schon vier Jahre eher). Es entstand ein besonders variabler „Schwarm“ von Nachkommen, von denen die schönste ausgewählt und unter der Bezeichnung ´Teplice´ vermehrt wird.
Zu den interessanten interfamiliären Hybriden aus dem Jahre 2002 können noch zwei gezählt werden, und zwar die bisher namenlose Moussokohleria = Kohleria Argus x Moussonia elegans und Moussoniantha Eva = Moussonia elegans x Smithiantha cinnabarina ´Palenque´, die allerdings bisher noch nicht blühten.
Die Gattung Smithiantha wurde 2004 zu mehreren Kreuzungen verwendet. Davon ist ganz entschieden der interessanteste Hybrid, der aus zwei „botanischen“, reinen Arten entstand, und zwar als Mutterpflanze Smithianta aurantiaca, von Haager bei der mexikanischen Stadt Xalapa 1991 gesammelt, während der Pollen von Smithiantha cinnabarina stammt, die von Rybková, Nováková und Šuchmannová wiederum im mexikanischen Staat Chiapas unweit der Stadt Tuxtla gesammelt wurde. Das Ergebnis ist ein Schwarm verschiedenfarbiger Pflanzen (die Blätter variieren von rein grüner bis satt violetter Färbung), mit einheitlichen strahlend zinnober-orangenen Blüten, die ihr auch den Namen Teplice Fire eintrug.
x Pearceria
Das interessanteste Ergebnis brachte eine Kreuzung von Kohleria Šárka ´Firebird´mit der ekuadorianischen Art Pearcea hypocyrtiflora. Sie ist vor allem dadurch interessant, dass es sich um den ersten Hybriden dieser Gattungen auf der Welt handelt (in den USA i.J. 2006 publiziert), aussichtsreich ist sie auch in gärtnerischer Hinsicht, weil Pearceria J.K.Boggan (eine Form mit bronzefarbenen Blättern) und Romana (grünblättrig) viel widerstandsfähiger als Pearcea und zierlicher als die mütterliche Kohleria sind; es lässt sich sogar erwarten, dass sie ohne größere Anstrengungen auch als Zimmerpflanzen zu verwenden sind.